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Beziehung ohne Sex – wie geht das?

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Ist in eurer Beziehung die Lust auf Sex ungleich verteilt?

„Zu einer richtigen Beziehung gehört Sex dazu!“ – Das ist ein Satz, der mir in meiner Praxis oft begegnet. Doch was ist, wenn nicht beide Partner*innen gleich viel Lust auf Sex haben? Wie viel ist Sex ist genug? Gerade in einer langjährigen Beziehung kann die Not für beide Partner*innen groß werden, wenn die Bedürfnisse nach geteilter Intimität auseinandergehen. Zum Glück gibt es viele Möglichkeiten, eure Beziehung so zu gestalten, dass ihr euch beide wohl fühlt – auch wenn eure Libido unterschiedlich stark ausgeprägt ist.

Beziehung (fast) ohne Sex – und nun?

In unserer Gesellschaft gehen wir in der Regel davon aus, dass Sex zu einer Paarbeziehung dazu gehört – und dass sexuelle Aktivitäten außerhalb der Beziehung zu Schwierigkeiten führen. Nicht allen Menschen ist Sex jedoch gleich wichtig. Der Wunsch nach Sex kann je nach Lebenssituation und persönlicher Veranlagung mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Das ist an sich völlig ok – mehr dazu liest du in diesem Blogbeitrag.

Konflikte in der Paarbeziehung können entstehen, wenn ihr in konträre Rollen hinein geratet: Eine Person sehnt sich immer nach Sex und lebt in einem ständigen Mangelgefühl. Der anderen Person ist schon der Gedanke an Sex zu viel, sie fühlt sich ungenügend und unter Druck. Diese Rollen werden keinem*r von euch beiden gerecht. Die gute Nachricht: es gibt viele Möglichkeiten, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien und die Beziehung gemeinsam in ein neues Gleichgewicht zu bringen. Hier sind dazu ein paar Anregungen.

 

Schritt 1: Ursache klären

Zunächst lohnt es sich, zu schauen, warum ihr in eurer Beziehung fast keinen Sex habt. Ist eine*r von euch vielleicht generell einfach nicht so an Sex interessiert? Oder ist es mehr die Art von Sex, die ihr in eurer Beziehung bisher praktiziert, die einem oder beiden nicht zusagt? Gibt es Konflikte in eurer Beziehung, die die Lust hemmen?
Wofür steht Sex überhaupt für euch? Was bedeutet es euch, Sexualität miteinander zu teilen? Und wie seht ihr euch selber, wenn ihr keinen Sex miteinander habt?

Schritt 2: die Situation annehmen

Damit kommen wir zum zweiten Schritt: der Situation ins Auge sehen und sie so annehmen, wie sie ist.  Das bedeutet nicht, dass ihr euch einfach dafür entscheidet, ab sofort damit klar zu kommen, keinen Sex zu haben. Echte Akzeptanz ist vielmehr ein Weg, eine Entwicklung, die viel Mut und Geduld braucht. Es lohnt sich, diesen Weg zu gehen. Zwar mag es schmerzhaft sein, euch einzugestehen, dass ihr als Paar keinen Sex habt. Gleichzeitig hat es etwas ungeheuer Entlastendes: Ihr dürft aufhören, euch anzuzweifeln und zu verbiegen. Stattdessen anerkennt ihr, dass ihr beide ok seid, so, wie ihr seid. Mit euren Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen. Auch, wenn sie scheinbar (noch) nicht zusammenpassen. Wie ist es, euch auf dieser Basis zu begegnen? Wie fühlt ihr euch nun miteinander und jede*r mit sich selbst? Was braucht ihr, um euch als sexloses Paar annehmen zu können?

Schritt 3: Veränderung einladen

Vielleicht denkt ihr jetzt: Na toll, wir sollen einfach aufgeben und uns abfinden?! Doch darum geht es nicht. Denn der Akzeptanz stellen wir nun ein weiteres wirkungsvolles Werkzeug zur Seite: die Bereitschaft zur Veränderung. Veränderung kann dann am besten passieren, wenn sie nicht als Bedingung daherkommt. Also nicht: „Nur wenn wir mehr Sex haben, können wir als Paar bestehen“. Sondern als Möglichkeit, als Freiwilligkeit: „Auch, wenn wir in unserer Beziehung keinen Sex haben, können wir bestehen. Sex ist ein tolles Element, dass unsere Beziehung bereichern kann.“ Mit dieser Haltung als Ausgangspunkt kann  Veränderung leichter und lustvoller geschehen.

 

So kann eure Beziehung gelingen, wenn ihr ungleich viel Lust auf Sex habt

Nun könnt ihr euch fragen: Was darf sich in unserer Beziehung verändern, damit unsere unterschiedlich starken Bedürfnisse nach gemeinsam gelebter Sexualität uns nicht trennen, sondern verbinden? In Schritt eins habt ihr die Ursache gefunden, die hinter eurer unterschiedlich stark ausgeprägten Libido steht. Je nach Ursache könnt ihr verschiedene Dinge ausprobieren.

 

Den Sex gemeinsam gestalten

Hat eine*r von euch nicht viel Lust auf Sex, weil er*sie sich nicht mit der Art anfreunden kann, wie euer Sex aussieht? Dann macht euch gemeinsam auf den spannenden Weg, einander zu erzählen, was euch wirklich gefällt und was weniger. Vielleicht stellt ihr fest, dass ihr euch beide bisher nicht getraut habt, euch mit eurem wahren Begehren voreinander zu zeigen. Vielleicht seid ihr einen risikolosen, aber auch etwas unbefriedigenden Mittelweg gegangen, um euch gegenseitig nicht zu überfordern? Vielleichht habt ihr Dinge mitgemacht, die nicht zu euch passen, um euer Gegenüber nicht zu enttäuschen? Traut euch, zu euren Wünschen zu stehen und gemeinsam genau die Sexualität zu entwickeln, die zu euch passt.

 

Das versteckte Bedürfnis hinter dem Sex entdecken

Manchmal geht es bei der Auseinadersetzung um das richtige Maß an Sex gar nicht um den eigentlichen Akt – sondern um das, wofür er steht. Das können verschiedene Dinge sein. Sex kann

  • dafür stehen, sich angenommen zu fühlen
  • als Bestätigung der Beziehung empfunden werden
  • dich in deiner Geschlechtsidentität bestätigen
  • dir das Gefühl geben, begehrt zu werden
  • eine Möglichkeit sein, Facetten deiner Persönlichkeit auszuleben, mit denen du dich sonst nicht zeigen kannst
  • ein Gefühl von Gesundheit, Vitalität und Kraft in dir auslösen
  • noch für vieles Weitere stehen

All das sind wunderbare Aspekte von Sexualität. Schwierig wird es mitunter, wenn eine*r in eurer Beziehung auf Sex angewiesen ist, um ein bestimmtes Lebensgefühl zu empfinden. Dann lohnt es sich für diese Person, zu lernen, wie sie dieses Lebensgefühl in sich nähren und kultivieren kann  – und zwar unabhängig von Sex mit der *dem Partner*in. Damit wird der Sex von seiner Last befreit und erhält wieder mehr Leichtigkeit.

Sexuelle Autonomie entwickeln

Gerade für Menschen, die Sex in der Paarbeziehung bisher „brauchen“, um sich geliebt und angenommen zu fühlen, kann das Erlernen von sexueller Autonomie ein großer Durchbruch sein. Sexuelle Autonomie meint, dass ein Mensch sexuell und emotional für sich selber sorgen kann. Vielleicht empfindest du Masturbation als Notlösung für den Fall, dass kein Partner*innensex zur Verfügung steht. Natürlich ist Sex mit einem Gegenüber etwas anderes als Sex mit dir allein. Anders muss aber nicht schlechter sein.

Versuche einmal, dir beim Masturbieren wirklich Zeit zu nehmen, dir selbst zu begegnen. Dich zu spüren, dich ganz auf dich selber einzulassen. Auf die Körperempfindungen und Gefühle, die sich zeigen, wenn du mit dir allein bist. Schenke dir die Zuwendung, die du – wie jedes Lebewesen – verdienst. Wie fühlt sich Masturbation nun an? Kann sie dir Halt und Bestätigung geben? Nicht umsonst wird das Wort Selbstliebe auch als Synonym für Masturbation verwendet. Sexuelle Autonomie macht dich unabhängiger vom Partner*innensex und bringt Entspannung in eure Beziehung, wenn dein Gegenüber nicht so viel Lust auf Sex mit dir hat.

 

Sex ausserhalb der Beziehung wagen

Wenn ihr nicht beide gleich viel Lust auf Sex miteinander habt, kann eine Option sein, euch sexuelle Erlebnisse ausserhalb eurer Beziehung zu erlauben. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Die Person, die sich mehr Sex wünscht, könnte zum Beispiel

  • eine professionelle erotische Massage buchen
  • gelegentlich auf  Sex-Dates gehen (offene Beziehung)
  • ein Tantra-Seminar oder eine Tempelnacht besuchen
  • eine zusätzliche sexuell-romantische Beziehung pflegen (Polyamorie).

Eure Beziehung für sexuelle Aussenkontakte zu öffnen, kann sich verletzlich anfühlen und gleichzeitg die Chance bieten, euch als Paar besser kennenzulernen. Schaut zusammen, was für euch passt. Sprecht miteinander über eure Befürchtungenn und Hoffnungen. Verhandelt, was geht und was nicht geht. Lasst einander teilhaben an euren Freuden und Ängsten. Bleibt im Kontakt, nehmt einander ernst und wahr.

 

Committment zu einer Beziehung ohne Sex

Vielleicht stellt sich bei eurer Ursachenforschung heraus, dass Sex im Grunde für euch beide gar nicht so eine große Bedeutung hat. Gesellschaftlich betrachtet mag Sex zu einer Liebesbeziehung dazu gehören – doch das heisst noch lange nicht, dass es für euch so sein muss. Vielleicht kommt euer Unbehangen nicht daher, dass euch etwas fehlen würde – sondern daher, dass ihr einer Vorstellung von Beziehung nacheifert, die euch nicht entspricht. Dann erlaubt euch, euch frei zu machen! Denn wer bestimmt, wie eure Beziehung auszusehen hat? Genau – ihr beide und niemand sonst! Bekennt euch voreinander dazu, dass ihr Sex nicht so interessant findet. Ihr müsst euch vor niemandem rechtfertigen.

Einvernehmliche Trennung oder: die Form der Beziehung verändern

Ja, auch das kann eine gute Lösung sein. Wenn sich herausstellt, dass eure Bedürfnisse in Punkto Sex so gar nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, und sich keine Möglichkeit zeigt, damit umzugehen, macht Loslassen Sinn. Eine einvernehmliche Trennung muss dabei kein Scheitern sein und auch nicht das Ende des Kontakts. Vielleicht ist einfach die sexuell-romantische Beziehung nicht die richtige Form für euch. Schaut gemeinsam, was euch mehr entspricht: eine tiefe Freundschaft? Eine lose Bekanntschaft? Ein sich gegenseitig in liebevoller Erinnerung behalten? Auch hier gibt es viele Wege, die Transfomation eurer Beziehung aktiv zu gestalten.

 

 

Konklusion: findet heraus, was zu euch passt

Es gibt eine Menge guter Möglichkeiten des Zusammenlebens für zwei Menschen, die einander lieben und unterschiedlich viel Lust auf Sex haben. Schaut miteinader, was zu euch passt. Lasst euch nicht ablenken von gesellschaftlichen Erwartungen oder von euren eigenen ungeprüften Wertvorstellungen. Seid neugierig, kreativ und authentisch. Und holt euch Hilfe, wenn ihr zu zweit nicht weiter kommt – im Freund*innenkreis, durch Ratgeber oder in Form einer Sexualtherapie für Paare.

Hier findet ihr  Addressen zum Weiterlesen, falls euch die Option von Sex ausserhalb der Beziehung interessiert: