Was ist sexuelle Autonomie?
Der Begriff sexuelle Autonomie hat verschiedene Bedeutungen. In diesem Text befassen wir uns mit sexueller Autonomie im Sinne von sexueller Eigenständigkeit. Damit meinen wir die Fähigkeit eines Individuums, für die eigene sexuelle Zufriedenheit Verantwortung zu übernehmen. Erfahre, was sexuelle Autonomie ausmacht, wofür sie hilfreich ist und wie du sie ausbauen kannst.
Wofür ist sexuelle Autonomie wichtig?
In sexueller Lust steckt eine beeindruckende Kraft. Sie kann Mut, Freude, Lebendigkeit und Ausgelassenheit in uns auslösen, wenn wir uns mit ihr verbinden. Auf der anderen Seite können Frust, Ruhelosigkeit, Minderwertigkeitsgefühle und Aggression in uns entstehen, wenn unsere sexuellen Bedürfnisse über lange Zeit ungestillt sind. Es ist deshalb hilfreich, wenn wir Mittel haben, gut für unser sexuelles Gleichgewicht zu sorgen und uns darin selbstwirksam zu erleben – als sexuell autonome Wesen, die unabhängig sind von etwaigen Sexualpartner*innen.
Wie kann sexuelle Autonomie aussehen?
Sexuelle Lust setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen, und genauso ist es mit sexueller Eigenständigkeit. Hier sind ein paar interessante Aspekte sexueller Autonomie:
Mit dir selbst in Kontakt sein
Spüre, wie es dir geht – wie ist deine Stimmung, wie fühlt sich dein Körper an, welche Gedanken beschäftigen dich, welche Gefühle treiben dich gerade um. Welche Wünsche und Bedürfnisse hast du, und wie stehst du für sie ein? Wo liegen deine Grenzen, und wie stehst du für sie ein? Erlaubst du dir, auch mal klein und schwach zu sein, Fehler zu machen? Erlaubst du dir andererseit, dich groß und stark zu fühlen, über dich hinaus zu wachsen?
All diese Fragen kannst du dir ganz allgemein im Bezug auf dein Leben stellen und ganz spezifisch auf deine Sexualität.
Solosex kultivieren
Lebe deine sexuelle Lust, deine Erregung, deine Geilheit mit dir selber aus! Mach Masturbation zu einer besonderen Form der Me-Time. Erlaube dir, Deinen lebendigen, lustvollen Körper zu feiern, die Berührung, die du dir selber schenkst, zu geniessen. Nutze die Gelegenheit, dich genau so zu stimulieren, wie es dir gut tut – genau an der Stelle, genau mit der Intensität, genau so lange, wie du es willst – und dich dabei mit niemandem absprechen zu müssen. Finde heraus, was dir gut tut. Gib es dir so, wie du es brauchst! Trau dir zu, dich dabei ganz nah mit dir selbst zu fühlen – mit diesem liebenswerten Menschen, mit dem du dein ganzes Leben teilst, vom ersten bis zum letzten Atemzug.
Sinnlichkeit wahrnehmen
Sexuelle Lust lebt zu einem guten Teil von Sinnlichkeit. Kultiviere deine Sinne – was fühlen deine Hände, was riecht deine Nase, was schmeckt deine Zunge, was hören deine Ohren, was sehen deine Augen? Der Alltag bietet zahllose Gelegenheiten, in dieses Feld einzutauchen. Die samtige Oberfläche deines Sofakissens, der weiche Teppich unter deinen Füssen. Deine Haut, wenn du dich unter der Dusche einseifst. Kaffee- oder Blumenduft, der Geschmack einer saftigen frischen Frucht. Naturgeräusche oder deine Lieblingsmusik. Ein farbenprächtiges Bild im Museum oder der Ausblick aus deinem Fenster. Erlaube dir, deinen Alltag als das Feuerwerk an Sinneseindrücken wahrzunehmen, das er ist – und nähre damit deine Bedürfnis nach Sinnlichkeit.
Alltagsnähe zulassen
Konsensuelle körperliche Nähe ist ein essentielles Bedürfnis vieler Menschen. Wenn es im Alltag zu wenig Raum dafür gibt, kann sie nur innerhalb von sexuellen Begegnungen ausgelebt werden. Das überfrachtet die Bedeutung von Sex. Um dem entgegen zu wirken, trau dich, alltägliche Nähe zu Mitmenschen zuzulassen, die nicht deine Sexualpartner*innen sind. Nimm bewusst den Händedruck wahr, den du mit einem Bekannten tauschst. Wie fühlt sich dieser Kontakt an? Erlaube dir, die Begrüßungsumarmung mit einem Freund wirklich zu fühlen und zu genießen. Was macht das mit dir und mit ihm? Wie fühlt sich Berührung beim Sport an, wenn du sie bewusst wahrnimmst? Wenn du Elternteil bist – wie fühlt sich die Nähe zu deinen Kindern an und inwiefern kann sie dich nähren? Schau, wie du die oft eng gesteckten Grenzen zwischenmenschlicher Nähe im Alltag ein wenig erweitern kannst.
Wichtig: Beachte den Unterschied zwischen Alltagsnähe und sexueller Nähe! Vergewissere dich, dass die Nähe, die du teilst, deinem Gegenüber willkommen ist. Wenn du dir unsicher bist, frag am besten nach – lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Sprich ruhig über dein Projekt und schau, wen du mit ins Boot holen kannst.
Wenn dir Gelegenheiten zum Erleben von Alltagsnähe fehlen – hier sind einige Vorschläge für Freizeitaktivitäten, die nicht-sexuelle körperliche Nähe beinhalten:
- Contact Improvisation
- Kampfsport
- Kuschelparties
- Tanzen
Verantwortungsvolle sexuelle Kontakte pflegen
Sexuelle Autonomie bedeutet nicht, dass du völlig ohne sexuellen Kontakt mit einem Gegenüber auskommen können musst. Genieß ruhig den Sex zu zweit (oder zu mehreren). Genieße die Lust am Gegenüber. Genieß es, dich zu zeigen und gesehen zu werden. Genieße das gemeinsame Erlebnis. Als sexuell eigenständiges Wesen ist es dir möglich, mit deinem Gegenüber mitzufühlen, sich an dessen Körper, dessen Lust zu erfreuen – und gleichzeitig dich selbst zu spüren. Partner*innensex ist dann weniger Verschmelzung und mehr Verbindung. Zwei eigenständige Wesen, die miteinander interagieren, einander nahe kommen, sich gegenseitig beschenken und beschenken lassen – und sich dabei nicht ineinander verlieren. So behältst du Boden unter den Füßen, auch wenn ihr euch gemeinsam in Grenzbereiche vorwagt.
Beispiele verantwortungsvoller sexueller Kontakte
Es gibt viele Möglichkeiten, verantwortungsvolle sexuelle Kontakte zu pflegen. Alle haben ihre Vor- und Nachteile, und keine ist besser als die andere. Bei allen ist es hilfreich, wenn du dir deiner sexuellen Autonomie bewusst bist. Du kannst freier in den Kontakt gehen und bist besser in der Lage, die Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen von dir selbst und deinem Gegenüber zu achten, wenn du fühlst, dass du nicht von dieser einen sexuellen Begegnung abhängig bist. Hier eine unvollständige Aufzählung von Konstellationen, die sexuelle Nähe mit anderen beinhalten. Welche ist für dich die passende in dem Lebensabschnitt, in dem du dich gerade befindest? Oft ist auch eine Kombination meherer Optionen stimmig.
- Paarbeziehung (monogam oder polyamor)
- Freundschaft plus
- One-Night-Stands und Dating
- sexpositive Events
- qualifizierte erotische Massagen (z.B. Tantramassagen)
- sexuelle Dienstleistung (Prostitution) durch eine Person, die ihre Arbeit auf freiwilliger, selbstbestimmter Basis ausübt
- und weitere
Wie lässt sich sexuelle Autonomie lernen?
Sexuelle Autonomie ist etwas, was wir alle zu einem gewissen Grad schon in uns haben. Sie entwickelt sich weiter, wenn du es zulässt. Oft hilft es, einfach deinen Fokus entsprechend auszurichten. Den Blick zu öffnen für das, was schon da ist, und dem mehr Raum zu geben. Sei dabei geduldig mit dir und lass dir Zeit – sexuelle Eigenständigkeit ist nichts, was sich mit eiserner Disziplin erreichen lässt.
Wenn du das Gefühl hast, keinen Einstieg zu finden oder nicht weiter zu wissen, scheu dich nicht, dir Unterstützung zu holen – eine Sexualberatung oder ein Masturbationscoaching können sanfte Impulse setzen und Türen öffnen – und sie können Spaß machen und lustvoll sein. Trau dich und gönn dir den einfachen Weg, indem du Hilfe annimst – du musst es nicht alleine schaffen!
Welche Bedeutung hat der Begriff sexuelle Autonomie außerdem?
Mit sexueller Autonomie ist auch oft gemeint, dass wir alle das Recht haben, über unseren Körper und unsere Sexualität frei und unabhängig zu bestimmen. Niemand darf dich daran hindern, deine Sexualität frei auszuleben (solange du im Konsens mit allen Beteiligten handelst) und niemand darf dich zu sexuellen Handlungen überreden oder nötigen. Die WHO hat dazu 20xx eine Reihe von Gesetzen erlassen. Diese kannst du hier nachlesen.